Im Juni dieses Jahres waren wir – meine Eltern, mein Bruder und ich – uns selbst auf der Spur. Wir flogen nach Wilnius, in das einst polnisch jüdische Wilna. Es war eine Reise in die eigene Vergangenheit. War es eine Rückkehr? Meine Mutter, Schoschana Rabinovici, entstammt diesem Jerusalem des Nordens, wie die Stadt früher genannt wurde. Hier hatte sie als Mädchen gelebt, hier war sie ins Ghetto gepfercht, hier waren ihre, waren unsere, waren meine Verwandten ermordet worden. Sie verfaßte ein Buch über ihr Überleben, über Wilna, über die Lager und über den Todesmarsch. „Dank meiner Mutter“, so lautet der Titel, und der Text beginnt mit dem lakonischen Satz: „Am 22. Juni 1941 sah ich meinen Vater zum letzten Mal.“

Genau siebzig Jahre später – im Juni 2011 – machten wir uns auf, um den Tatort zu besichtigen. Das war keine Urlaubsfahrt ins Blaue und nichts für meine Tochter. Auch meine Neffen und Nichten blieben daheim; die Kleineren von ihnen wären von unserer Exkursion genauso wie mein Mädchen überfordert gewesen, die Größeren meines Bruders waren indes verhindert. Wir schrumpften zur Kernfamilie meiner Kindheit zusammen, und unweigerlich fühlte ich mich versetzt in jene Zeit. Kaum traf mein Bruder, der Mediziner, der stellvertretende Leiter der gynäkologischen Abteilung im Chaim Sheba Medical Centre, aus Israel im Wiener Flughafen ein, um im Transit zu uns zu stoßen, klangen die Töne und Motive aus der Jugend zwischen uns wieder hoch. Im Beisein von Eltern und Geschwistern schien jener Halbwüchsige wieder aufzuerstehen, der wir einst waren? Aber es gibt keine Rückkehr, und unsere ältesten Erinnerungen sind, wie Sigmund Freud wußte, nicht jene aus der Kindheit, sondern allenfalls jene an sie. Wir konstruieren im Jetzt, was uns vom Gestern einfällt. In der Gegenwart entsinnen wir uns der Vergangenheit, doch diese Vergangenheit unserer ersten Lebensjahre bleibt dennoch allgegenwärtig.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war meine Mutter genau so alt wie meine Tochter in jenen Tagen, da wir – Jahrzehnte später – Wilna ohne sie aufsuchten. Undenkbar, meine Milli, damals noch keine sieben, mit jenem Leid zu konfrontieren, das ihre Großmutter als Mädchen durchmachen hatte müssen. Die Ereignisse während der Vernichtung prägten nicht bloß das Leben meiner Mutter, sondern das Dasein unserer ganzen Familie. Sie begann trotzdem, ja, im Grunde genommen eben deshalb sehr spät zu erzählen, was ihr widerfahren war, und die hebräische Originalfassung des Buches, in dem sie niederschrieb, wie die Familie ermordet worden war und sie gemeinsam mit ihrer Mutter, meiner Großmutter, überlebt hatte, erschien erst 1991. Das Wilna, in dem sie aufgewachsen war, hatte längst aufgehört, zu existieren.

War es eine Rückkehr? Niemand von uns hoffte an jenem Tag, da wir gemeinsam nach Wilnius flogen, auf eine Heimfindung. In den Straßen der Stadt, die meiner Mutter durchaus noch vertraut war, lebten kaum die Nachkommen jener, die damals hier gewesen waren. Die Juden waren beinahe alle ermordet, die Polen zumeist vertrieben worden. Wilnius sollte nun immer schon nichts als die Hauptstadt der Nation Litauen gewesen sein. Nicht die siebenjährige Besatzung während des nazistischen Vernichtungskrieges, sondern die jahrzehntelange Herrschaft der Sowjetunion galt hier als eigentliches Leid. Woran hier gedacht und was hier vergessen gemacht werden sollte, waren andere Erinnerungen, als jene, die etwa im westlichen Europa oder in Israel vorherrschten. Jüdische Partisanen, die einst gegen die nazistischen Mörder und ihre litauischen Henkershelfer gekämpft hatten und dann in die Rote Armee eingetreten waren, wurden nun bezichtigt, an sowjetischen Vergeltungsmaßnahmen beteiligt gewesen zu sein. Die Geschichte wurde umgestülpt. Hier galt Michail Gorbatschow nicht als Überwinder des Kalten Krieges und als Reformer. Vielmehr sollte er vorgeladen werden, um sich für den Tod jener zu verantworten, die in den Neunzigern im Kampf gegen die sowjetischen Truppen und für die nationale Freiheit gefallen waren. In Litauen war nun verboten, das kommunistische Emblem von Hammer und Sichel zu zeigen, das Hakenkreuz durfte jedoch bei Demonstrationen, etwa am 1. Mai, vorangetragen werden. War es eine Rückkehr?

Ich war bereits 1997 das erste Mal nach Litauen gereist. Damals stand das Unternehmen unter anderen Vorzeichen. Am 22. Juli jenes Jahres schrieb ich der Schriftstellerin Ulla Berkewicz einen Brief – damals leitete noch nicht sie, sondern Siegfried Unseld, ihr Mann, den Verlag Suhrkamp. Sie hatte mich gefragt, ob es sich bei der Autorin Schoschana Rabinovici, um meine Mutter handle. „Ja,“ antwortete ich ihr: „meine Mutter ist Schoschana Rabinovici. Sie wurde 1932 als Susanne-Lucienne Weksler geboren. Zu Schoschana wurde sie erst Jahre nach den Konzentrationslagern. In Israel.“ Ich fügte hinzu: „Ende August werde ich meine Mutter nach Wilna begleiten. Mein Vater, mein Bruder und sein ältester Sohn, eine Freundin von Schoschana, ebenfalls eine Überlebende aus Wilna und deren Mann, alle gemeinsam machen wir uns auf die Reise. Eine Expedition, zu der ich meine Mutter im heurigen Spätwinter drängte. Du erinnerst Dich vielleicht; mein Vater war zu jener Zeit an Krebs erkrankt.“

Der Tumor, von dem ich Ulla Berkewicz hier berichtete, war herausgeschnitten und mein Vater gerettet worden, aber die Angst, ich, der Historiker, der über die Shoah geforscht, der Schriftsteller, der von den Folgen der Verfolgung geschrieben hatte, würde meine Eltern verlieren, ohne mich mit ihrem Herkommen und mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt zu haben, konnte durch keine Operation entfernt werden und saß mir in den Knochen. An dem Vorhaben, mit ihnen Wilnius zu besuchen, hielt ich in den nächsten Monaten fest. Ein befreundetes Ehepaar, Ida und Micha, nahmen an der Reise teil.

Ida stammt ebenfalls aus Wilna. Sie überlebte in einem Waldversteck. Bis heute leidet sie darunter, jahrelang in gekrümmter Stellung verharrt zu sein. Nur so paßte sie ins Erdloch, in dem sie und ihre Familie sich verkrochen hatten. Sie wurden nicht entdeckt. Kurz vor der Befreiung, von schrecklichem Hunger getrieben, machten sich ihr Vater und ihre ältester Bruder auf dem Weg, um Essen zu besorgen. Sie schlichen über die Dächer von Wilna, wurden aber dabei gesehen. Einen Tag, ehe die Rote Armee die Stadt einnahm, die Truppen der Wehrmacht waren bereits in Auflösung, wurden sie erschossen.

Wie aufgeregt meine Mutter war, als wir in Litauen ankamen. Vor den Zöllnern fürchtete sie sich, wie an keiner anderen Grenze. Ich möge meine Kameras und den Computer in den Formularen angeben, sonst bekäme ich bei der Ausreise Schwierigkeiten und könnte dann die Geräte nicht wieder mitnehmen. Ich verspottete ihre Angst, erklärte, die Sowjetunion sei untergegangen. Aber war nicht zu verstehen, weshalb sie die Uniformierten als Gefahr empfand? Ein Mißtrauen gegenüber der Exekutive und gegenüber Grenzbeamten blieb meiner Mutter erhalten. Sie schärfte mir, als ich ein Kind war, ein, zu schweigen, wenn wir zu einer Paßkontrolle kamen. Sie erzählte mir gar, auch die Flucht des Königs von Frankreich sei nur wegen eines unbedachten Wortes seines Sohnes gescheitert. Deshalb sei Ludwig, der 16., und seine ganze Familie letztlich hingerichtet worden. Meine Mutter war nie Monarchistin. Im Gegenteil; sie lehrte uns sonst, republikanisch zu denken, mit den einfachen Leuten zu fühlen und nicht mit gekrönten Häuptern, aber in diesem einen Fall galt ihr Mitleid den Majestäten, hier führte sie mir die Not vor Augen, die ein Prinz über seine Eltern gebracht hatte. Hinter der Anekdote lauerte aber die Vergangenheit, die sie am eigenen Leib verspürt hatte.

Sie konnte die Straßenschilder in ihrer einstigen Stadt nicht lesen, weil nichts mehr in Polnisch angeschrieben war und nirgends mehr Jiddisch gesprochen wurde. Die Bewohner von Wilnius redeten nun Litauisch. Sie fand dennoch wieder, wonach sie suchte. Hier war sie mitsamt ihrer Familie in das Ghetto gepfercht worden – zuerst in das so genannte kleine Ghetto und nach dessen Liquidierung in das große. Hier gelang es den Eltern, für die Familie Plätze in einem unterirdischen Versteck zu erhaschen. Durch eine hochgeklappte Toilette wurden die Menschen in die Kanalisation hinabgelassen, um durch eine Eisenklappe in einen verborgenen Raum zu gelangen. Während oben die Juden aus den Häusern geholt und erschossen wurden, kauerten sie im Versteck, viel mehr Menschen, als eigentlich vorgesehen gewesen war. Stundenlang litten sie unter der Atemnot. Draußen mordete die SS. Dann sprengten die Soldaten der Wehrmacht die Häuser in die Luft. Um ja nicht gehört zu werden, versuchte ein Vater, das Schreien seines Säuglings mit einem Polster zu dämpfen – und erstickte es dabei.

Am 23. September wurde das Ghetto liquidiert. Mutter brachte uns zum Friedhof, in dem sie die Selektion durchstanden hatte. In ihrem Buch schreibt sie dazu: „Wir liefen weiter und traten dabei auf Kinder und Säuglinge. Sie lagen unter unseren Füßen, und es war schwer, zwischen einem Kleiderbündel und einem Bündel mit einem Säugling zu unterscheiden. Plötzlich bemerkte ich ein Baby direkt vor meinen Füßen. Ich blieb stehen. Ich war unfähig, weiterzugehen und auf den Kopf des Kindes zu treten. Meine Mutter zog mich schnell hoch über das Baby hinweg, doch der Anblick des Babys, das unter meinen Füßen lag, sollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.“

Eine Historikern, die uns im Jahr 1997 zum Friedhof begleitete, meinte, die Selektion habe nicht hier, sondern an einem anderen Punkt stattgefunden. So sei es in den wissenschaftlichen Monographien festgehalten worden. Meine Mutter bestand hingegen auf diesen Platz als Tatort, und nach längerer Recherche mußte zugegeben werden, daß sie es war, die recht gehabt hatte.

Die Ereignisse dieses Tages hatte sich meiner Mutter, Schoschana Rabinovici, allerdings besonders eingeprägt. Wen wundert’s: Meine Mutter, meine Großmutter Raja Indurski und meine Stieftante, die Stiefschwester meiner Mutter, Dorotea Rauch waren die einzigen Frauen der Familie, welche die Prozedur an jenem Tag im Friedhof überlebten. Dorotea Rauch kam später im Lager um. Die Drei wurden – gemeinsam mit den anderen Frauen, die damals noch als lebenswert befunden worden waren – in das Lager Kaiserwald verbracht. Alle anderen – die Kinder, die Alten, die Kranken, die Mehrheit der Frauen – wurden nach Majdanek verschleppt und sogleich vernichtet. Darunter der Großvater meiner Mutter, Schmarjahu Indurski, Chassia und Feigele Indurski, Lea und Lena Novogrodski, Großmutter Weksler, Ljuba, Elke und die kleine Hella, Sonia, Scheindl Weksler, sodann Lonia und Natascha.

War es eine Rückkehr? Vor jener Reise mit Ida, mit ihrem Mann und mit mir waren meine Eltern bereits nach Wilna gereist. Am 7. September 1988 sollte Austria Wien gegen FK Zalgiris Vilnius antreten. Meine Eltern ergriffen die Chance, ins sowjetische Wilnius zu gelangen. Sie beschlossen, die Alpenelf als Fans zu unterstützen, und so wurde aus Mutter, die immer sehr schrill protestiert, wenn Vater von einem Sportsender zum anderen schaltet, für einige Tage eine eifrige Austrianerin, eine violette Schlachtenbummlerin. Sie gingen zum Match und hielten zu der österreichischen Mannschaft, aber den Rest der Zeit nutzten sie, um alle Adressen aufzusuchen, an denen die Familie gelebt, alle Winkel, in die sie gezwungen, und selbst die Stellen, an denen die Ihren ermordet worden waren. Hier, angesichts der Orte des Verbrechens kehrten die Erinnerungen meiner Mutter wieder, doch wichtiger noch war, diese inneren Bilder damit zu vergleichen, was sie nun sah. Sie fand die Adresse, an der sie gewohnt hatten, doch das Haus und der Hof waren verwüstet. Nichts schien von der alten Pracht übrig geblieben zu sein. Als sie jedoch den Schutt zur Seite räumte, entdeckte sie am Boden jenes alte Mosaik, das ihr so vertraut gewesen war. Sie begann, Zutrauen zum eigenen Gedächtnis zu gewinnen. Sie lernte die Alpträume, die sie verfolgten, mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Sie verließ die Stadt, um auch das Konzentrationslager Stutthof aufzusuchen, und dort, wo sie ein Häftling gewesen war, fand sie die Karteikarte nicht, die ihren Aufenthalt in dieser Tötungsstätte bestätigt hätte. Sie gab indes nicht auf, sondern ließ sich die Formulare ihrer Mutter und ihrer Stiefschwester ausheben, und so bemerkte sie die Registrierungsnummer dieser beiden Dokumente, und erkannte, zwischen ihnen müßte ein einziges weiteres Blatt mit fortlaufender Zahl stecken, und in der Tat, zwischen meiner Großmutter, Raja Weksler, und meiner Stieftante, Dorotea Rauch, wurde Susie Rauch, achtzehn Jahre alt, geboren in Bialystock, herausgezogen. Meine Mutter hatte als Mädchen Susie Weksler geheißen, und sie war bereits mit elf nach Stutthof verbracht worden. Sie wurde zudem in Paris geboren. Die Unterschrift auf der Karteikarte war krakelig, wie von einem Kind. Den falschen Namen, den erfundenen Lebenslauf, das Alter hatte sich meine Großmutter ausgedacht. Wäre herausgekommen, daß die Zwei eine Mutter und ihre minderjährige Tochter waren, hätte es den Tod beider bedeutet.

Erst durch diese erste Reise konnte sich meine Mutter ihrer selbst vergewissern und sie setzte sich hin, um zu schreiben, was ihr einfiel, aber, so sagt sie, im Schreiben fielen ihr auch neue Details ein, und so kam Manches aus ihrem Innersten wieder zum Vorschein.

Im Ghetto und in den Lagern noch hielt das Mädchen in jiddischen Versen fest, was ihr und den Ihren widerfuhr. Nach der Befreiung verbot ihr meine Großmutter aber weiter zu schreiben. Zu dunkel schien ihr die Lyrik der Tochter. Sie sollte von der Vergangenheit lassen, um das Leben weiterführen zu können, doch im Laufe der Zeit stieg in ihr immer wieder hoch, was unterdrückt worden war. Es überflutete sie nachts, wenn die Alpträume sie überraschten. Es engte sie ein, sobald sie in einem vollen Aufzug stand und die Atemnot ihr die Luft raubte wie damals, als sie ins Gewühl gezwängt worden war, um nicht unter jenen zu bleiben, die ermordet werden sollten. Das Gedränge um die bloße Existenz dauerte noch Jahrzehnte an. Was ihr und den Ihren angetan worden war, hatte sich in sie eingebrannt und so trug sie lange mit sich herum, wovon sie zunächst kaum redete und nichts erzählte, ja, was sie vergessen hatte. In ihr lagerten Kapseln voll giftig eitrigem Rest, notdürftig isoliert und eingemummt im Unaussprechlichen, abgetrennt von ihr selbst, sodaß sie davon nicht einmal hätte sprechen können, bis sie endlich vom Unsagbaren zu erzählen begann. Die Geschichte des Überlebens, sagt sie, sei in Schweigen eingelegt gewesen, eingemachtes Leid, bereits in Kapitel geordnet. Im Grunde habe ihre Mutter, meine Großmutter, die Einteilung des Buches bereits während der Shoah vorgenommen, wenn sie ihr nach jeder Leidensstation erklärt hatte, nun hätten sie diese Etappe auch noch hinter sich gebracht.

Durch das Schreiben fand Mutter zur eigenen Stimme. Ihr Buch wurde zum Erfolg in mehreren Sprachen. Der Text, der erst als Bericht für die zwei Söhne und die Enkel gedacht gewesen war, verhalf ihr dazu, sich dem Trauma zu stellen. Sie war zur öffentlichen Zeitzeugin, zur offiziellen Überlebenden geworden, die etwa gebeten wurde, nach Wilnius zu kommen. Zu einer Veranstaltung in Litauen kam es indes nicht, da immer schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen meine Eltern an dieser Reise hinderten. Im Frühjahr 2009 waren meine Mutter und ich nach Litauen eingeladen worden. Wir sollten an verschiedenen Tagen hintereinander aus unseren je eigenen Büchern lesen.

Mitte März jenes Jahres erlitt Mutter allerdings eine Lungenembolie, die zum Herzstillstand führte. In der Notaufnahme mußte sie mehr als vierzig Minuten reanimiert werden. Sie verblieb in der Intensivstation, und zu diesem Zeitpunkt gingen die Ärzte nicht davon aus, daß sie je zu sich kommen würde. Zum Erstaunen aller setzten nicht bloß die einfachen Körperfunktionen wieder ein, sondern sie kam – nach drei Wochen – allmählich zu sich, wachte auf, erinnerte sich ihrer, ja, war physisch geschwächt, aber fand geistig zu einer neuen Kraft und Frische. Es sei ein Reset, witzelte mein Vater, und sie spiele nun besser Bridge als je zuvor. Die Mediziner sprachen von einem Wunder. In Vorträgen auf internationalen Symposien wird ihr Fall referiert.

Ist es erstaunlich, wenn wir nach ihrer Rettung beschlossen, gemeinsam nach Wilnius zu fahren? Die einstige Wohnung meines Urgroßvaters liegt direkt neben dem Hotel, in dem wir untergebracht waren. Es ist heute ein Museum der litauischen Geschichte, denn just in diesem Haus hatte ein herausragender Denker des litauischen Nationalismus gewohnt, ebenda waren seine Mitstreiter nach dem Ersten Weltkrieg zusammengekommen, die Unabhängigkeitserklärung Litauens zu unterzeichnen. Bald war der neue Staat allerdings von Polen geschluckt, dann vom Deutschen Reich besetzt und schließlich der Sowjetunion eingefügt worden. Hier war Mutters Familie einige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht einquartiert worden. Das Erdgeschoß, wo einst das Handschuhgeschäft meines Urgroßvaters gewesen war, war zum Museumseingang mit Shop und Eintrittskassa umfunktioniert. Eine Mitarbeiterin, eine junge Historikerin, führte uns herum und öffnete uns die Türen. Noch war nicht klar, in welchem Stockwerk mein Urgroßvater gelebt hatte, aber Mutter fand sich bald zurecht. Sie hatte die Zimmer seit siebzig Jahren nicht betreten, aber noch ehe eine Tür geöffnet wurde, sagte sie uns, welche und wie viele Räume sich dahinter verbergen würden. Hier sei das Bad gewesen. Von dem Fenster aus hatte sie, die Halbwüchsige, gesehen, wie die Mörder ihre Opfer durch die Straßen jagten. „Hinter der Tür sind drei kleine Zimmer.“ – „Dahinter ist das Stiegenhaus.“ Sie wußte noch alles.

Die Museumsangestellte brachte eigens einen Schlüssel, um die Wohnungstür zu öffnen, und tatsächlich lag, wie Mutter es vorausgesagt hatte, hinter der Tür der Treppenflur. Mutter erinnerte sich sogar, wer gegenüber gewohnt hatte. Sie sagte: „Da unten vor dem Haustor sah ich meinen Vater zum letzten Mal.“

1997, als ich mit meinen Eltern Wilna bereiste, sprach meine Mutter von den Wertsachen, die ihr Großvater und ihr Onkel einst im Hof des Gebäudes vergraben hatten. Ein Schatz für jene aus der Familie, die womöglich überleben und zurückkehren würden. Wir reisten nach Litauen und waren auch ein wenig gespannt, ob wir vielleicht noch auf Teile des Vermögens und einzelne Schmuckstücke stoßen würden, die einst hier versteckt worden war. Kaum angekommen, machten wir uns auf dem Weg, um die Wohnungen der Familie wiederzufinden. Zu unserer Enttäuschung war es damals nicht möglich, das Haus von Mutters Großvater zu betreten. Es wurde renoviert. Noch war es nicht in ein litauisches Nationalmuseum verwandelt. Wir standen vor einer Baustelle mit Schranken und Absperrungen, und sahen, wie eben dort, wo das kostbare Gut verscharrt worden war, fleißig geschaufelt und ausgeschachtet wurde. Spätestens jetzt, meinte mein Vater, habe irgendein Arbeiter die Kostbarkeiten entdeckt und gehoben. Es sei ihm vergönnt, fügte er hinzu.

Im Jahre 2011 suchten wir unter anderem auch die Adresse auf, an der meine Großmutter eine Boutique eröffnet hatte. Wir standen auf der Straße, aber zunächst erkannte Mutter nichts wieder. Die Vorderfront mit weiten Glasscheiben war modern. Da war ein neuer Modesalon an derselben Anschrift, doch der schien Mutter viel größer als der einstige Laden. Sie wurde unsicher. Und wo war die Einfahrt zum Hof hinverschwunden? War das neue Nachtlokal in das einstige Tor eingepfercht worden? Ist die frühere Kellertreppe nun der Abstieg in den Stripperclub?

Ob sie je von dem Geschäft „Bon Ton“ gehört hatten, fragte sie die jungen Verkäuferinnen, zierliche Erscheinungen, die ich eher für Modells gehalten hätte. Sie lächelten Mutter zu und schüttelten leise den Kopf. Wann das denn existiert haben sollte? In den Dreißigern des letzten Jahrhunderts, sagte meine Mutter den verdutzten Frauen in ihren Zwanzigern.

Ob es einen Hinterhof gäbe? Eine Angestellte ging voran, und als wir den Ausgang erreichten, sagte Mutter: „Das ist es. Das ist die alte Holztür.“ Und dann: „Das ist der Garten. Hier spielte ich als Kind.“ Sie hatten hinter dem Betrieb gewohnt. Von dort aus erkannte Mutter das ganze Haus. Der einstige Laden und die Wohnung waren zusammengelegt worden zum Kleidergeschäft der Gegenwart. Modern ist nur die Fassade, aber weiter hinten lebt die Vergangenheit fort.

Sie führt uns durch die Gassen des ehemaligen Ghettos. Welch lauschige Plätze voller Restaurants und Lokale! Was für eine schöne Kulisse für Touristen. Hier sah Mutter, wie Franz Murer die schöne Perlova direkt vor ihr aus der Reihe holte. Kurz danach hörte sie den Schuß. Franz Murer, der Schlächter von Wilna, der Judenreferent aus dem steirischen Murau. Sein Prozeß im Graz der sechziger Jahre verkam zum Tribunal gegen die Opfer. Der Freispruch geriet zu einem einzigen Volksfest. Mutter zeigt uns den Ort der Selektion. Kinder, Alte, Kranke, die Mehrheit der Frauen wurden nach Majdanek verschleppt und sogleich vernichtet. Sie zählt die Namen unserer Ermordeten auf. Von der ganzen Familie überlebten bloß drei, Mutter, meine Großmutter und ein Großonkel.

Am Tage der deutschen Besetzung war meine Mutter von ihrem Vater aufgesucht worden. Sie, seine Neunjährige, war zum Haustor hinuntergelaufen. Als er fortging, wandte er sich noch einmal um und winkte. Ein litauischer Mann soll gerufen haben: „Jude, bück dich vor dem deutschen Offizier.“ – Darauf habe der Soldat geantwortet: „Aber nein, Juden müssen sich nicht vor mir bücken, die nehmen wir einfach mit!“ An jenem Tag, dem 22. Juni 1941, sah meine Mutter Isaak Weksler, ihren Vater, meinen Großvater zum letzten Mal.

Im Wald von Ponar, etwa sieben Kilometer von Wilna entfernt, schossen Einheiten der Wehrmacht, der SS, der Einsatzkommandos und der litauischen Milizen etwa Hunderttausend Männer, Frauen und Kinder in die Gruben hinein. Die Reiseführerin meinte, wir bräuchten den winzigen Museumsraum neben den Erdkratern nicht besuchen, denn wir könnten ohnehin nichts erfahren, was wir – aufgrund unserer Familiengeschichte – nicht schon längst wüßten, aber wir wollten jeder Spur der Vergangenheit nachspüren und bestanden darauf, hineinzugehen. Drinnen sagte unsere Begleiterin, beinah beiläufig, da oben auf der Decke sei die Deportationsliste des ersten Transports wiedergegeben. Wie denn Mutters Papa geheißen habe? Und tatsächlich. Da stand der Name: Isaukas Weksler. Nach Jahrzehnten der erste und der letzte Beleg seiner Ermordung. Mutter – die immer so beherrscht bleibt – erbleichte und mußte sich setzen.

Das jüdische Wilna wurde ausgerottet, doch seine Matrikeln blieben über. Die Heiratsbücher liegen in Hebräisch und in Polnisch vor. Eine Mitarbeiterin des städtischen Archivs nahm sich unserer an und forschte unsere Vorfahren aus. Ich war in einer Rumpffamilie aus der Shoah aufgewachsen, wir waren der letzte Rest vom Schützenfest, doch nun wuchs mir ein Stammbaum zu; eine Verwandtschaft, die bis in die napoleonische Zeit zurückreicht, und mein Bruder sagte: „Unglaublich. Mit einem Mal habe ich eine Geschichte.“ Wir erfuhren aus den Unterlagen auch, woran die Mutter meines Großvaters gestorben war. 1904, zwei Wochen nach seiner Geburt hatte sie einen Schlaganfall erlitten, und mein Bruder, der Gynäkologe, wußte sogleich, was der Grund für den apoplexen Insult gewesen war, welche Mutation, eine erbliche Unzulänglichkeit, zu ihrem Tod geführt hatte. Er sagte: „Faktor 5 Leyden“, denn er hatte vor einigen Jahren in einem Artikel eben vor dieser Defizienz gewarnt, auf die letale Gefahr für Frauen nach der Niederkunft hingewiesen, und zwar noch ehe diese genetische Thrombophilie bei meiner Mutter eine Lungenembolie und einen Herzstillstand auslösen sollte, lange auch bevor ich buchstäblich tagelang, aber ebenso nächtlich, vom Morgen bis in die Früh an meinem Roman „Andernorts“ saß, was bei mir ein Wadengerinnsel verschuldete. Inzwischen war „Faktor 5 Leyden“ bei meiner Mutter und uns, ihren beiden Söhnen, diagnostiziert worden, und anschaulicher, aber auch mehrdeutiger konnte nicht dargestellt werden, was mit dem Satz gemeint ist: „Blut ist dicker als Wasser.“

Vielleicht ist jedes meiner Bücher auch eine Rückkehr nach Wilnius, vielleicht auch eine Rückkehr ins moldawische Rumänien, aus dem mein Vater stammt, womöglich eine Rückkehr in das Tel Aviv meiner allerersten Jahre und eines in das Wien meiner Kindheit und Jugend. Ich erinnere mich etwa an meine Großmutter Raja Wechsler. Sie zog mich auf. Ich war Omas Jingele, ihr Bubale, war das Liebkind dieser starken und eleganten Frau. Mit meinem Großvater war sie nach Paris gegangen, um dort Medizin zu studieren. In Polen war für Juden der Zugang zum Studium zusehends beschränkt. Als sie aus familiären Gründen nach Wilna zurückkehren mußten, eröffnete sie dort jene Boutique Bon Ton, die längst nicht mehr existiert und an deren Stelle nun ein anderes Geschäft zu finden ist. Hier bot sie Pariser und Berliner Kollektionen feil. Sie selbst war es, die ihre Mode in der Stadt vorzeigte, indem sie in den neuesten Stücken ausging. Und Großmutter konnte sich sehen lassen. Sie war mutig. Im Litauen der dreißiger Jahre verließ sie ihren Mann, den Vater meiner Mutter, weil sie sich in einen anderen verliebt hatte. Sie verleugnete sich nie, nur über ihr Geburtsdatum ließ sie uns im Unklaren. Sie verriet es bis zu ihrem Tode nicht und machte sich jünger.

Mit ihr verbrachte ich viele Tage und manche Ferien. Zu zweit. Sie verwöhnte und beherrschte mich. Stieg ich auf einen kleinen Mauervorsprung oder kletterte ich auf eine Böschung, fürchtete sie um mein Leben. Rannte ich, geriet sie außer Atem. Ich weiß noch, wie mir einst mein kleiner, grauer Plastikelefant ins Klo fiel. Ich war darüber verzweifelt und weinte. Sie griff mitten in den Abort, holte mein Lieblingstierchen heraus und wusch es ab.

Sprach sie mit anderen ihrer Generation, hörte ich bereits als Bub ein wenig vom Ghetto und vom Lager. Beiläufig erzählte sie mir, was meine Mutter nicht über die Lippen gebracht hätte. „War Mutti eigentlich immer schon dicklich?“ fragte ich.

„Sie war ein starkes Kind“, meinte sie: „Nur im Lager, als wir hungerten, da nicht.“ Sie erzählte mir auch, wie Mutter einmal mit der Peitsche geprügelt worden war.

Sie, die so beherrscht war, konnte plötzlich, wegen einer unserer Kindereien etwa, zusammenbrechen. Sie schlug mit den Fäusten auf ihren Kopf ein, warf sich den Mantel um, riß die Wohnungstür auf und schrie: „Ich kann nicht mehr. Ich gehe! Ich kann nicht mehr!“ – Wir Brüder liefen ihr nach. Ich weinte. Wir zerrten an ihr. Wir hielten sie zurück. Wir flehten: „Nein, bitte, geh nicht. Bleib da.“

Sie hatte bereits mehrere Herzinfarkte überlebt. Wir sollten sie nicht quälen, hieß es. Sie habe doch so viel mitgemacht, und sie selbst sagte, alle, die dort, in den Lagern, gewesen waren, würden, was ihnen widerfuhr, mit sich herumtragen. Von einem Pekkele, sprach sie, das sie erdrücke. Ich weiß nicht, seit wann meine Großmutter unter solchen Panikattacken gelitten hatte, und irgendwann meinte meine Mutter, als sie selbst noch ein Kind gewesen war, habe sie meine Großmutter bereits so erlebt, aber zweifellos waren diese ihre Fluchtreaktionen durch die Vernichtung erst akut geworden. Sie gewannen im Nachhinein die eigentliche Bedeutung. Vom posttraumatischen Syndrom redete damals indes noch kaum irgendwer.

„Du bist ein Wunderkind“, sagte meine Großmutter mir, um dann hinzufügen: „Das Wunder wird gehen, und das Kind wird bleiben.“ Sie liebte meine Talente, aber sie zweifelte an meinen Fähigkeiten, konzentriert zu arbeiten. Mir fehle das Sitzfleisch, meinte sie und hatte nicht ganz so unrecht damit. Aber eben meine Mischung aus Unruhe und Hartnäckigkeit trieb mich von der historischen Wissenschaft und dem Schreiben von Geschichte fort, aber dem Schreiben von Geschichten zu.

Als meine Eltern, mein Bruder und ich im Juni dieses Jahres nach Wilna fuhren, besuchten wir auch einen Gebäudekomplex in der ehemaligen Subocz Straße, die nun, ganz litauisch, Subaciaus heißt, in dem während der nationalsozialistischen Besatzung ein Zwangsarbeitslager untergebracht war, der so genannte HKP 562, der Heeres-Kraftfahrpark, in dem etwa Tausend Juden die Liquidierung des Ghettos überlebt hatten. Sie waren geschont worden, da die Wehrmacht ihre Arbeitskraft gebraucht hatte. Unter ihnen Schneier Weksler, der Onkel meiner Mutter. Die allermeisten dieser Juden, auch Schneier, wurden nur wenige Tage vor der Befreiung noch umgebracht.

In diesem Block, im einstigen Lager, bemerkte mein Bruder, wohnen heute wieder Menschen, und er zeigte auf die Wäsche, die bunt zum Trocknen aushing. Die Reiseleiterin nickte und erzählte, sie und die Ihren hätten vor einiger Zeit ihr Heim renoviert, um es hernach verkaufen zu können. Die Arbeiten seien beinah fertig gewesen, als eine amerikanische Jüdin aufgetaucht war. Sie sei hier einst zuhause gewesen. Die Reiseleiterin habe befürchtet, ihr alles abtreten zu müssen, doch die Überlebende habe sie beruhigt. Sie wolle die Räume bloß besichtigen. Später, während des Umbaus, hatten sie im Keller vier scharfe Granaten aus dem Krieg gefunden. Jahrzehnte hatte die Familie darüber gewohnt. Mein Bruder nickte und sagte nur: „Ja, wir leben alle auf den Granaten der Vergangenheit.“

Literatur weiß um diese Sprengsätze der Geschichte, aber sie kann auch die Zündler der Gegenwart benennen. An den Worten erkennt sie die Brandstifter. Poesie entschärft keine Bombe, aber sie lotet die Scharfmacher aus, ob sie aus Wilna kommen oder aus Wien. Sie kennt unsere innersten Minenfelder. Sie weiß von den Verbrechen der Vergangenheit, vergißt aber nicht jene, die heute zu Opfern von Krieg und Folter werden, die hier Zuflucht suchen und auf Argwohn stoßen. Sie macht uns verstehen, warum, was einmal geschah, immer wieder geschehen kann. Sie erlaubt mir den Blick auf das Andere, auf das Abseitige. Sie erinnert uns an das, was geschah, und daran, wie uns geschieht, indem sie uns immer wieder davon erzählt, wie es gewesen sein wird.

© Doron Rabinovici. First published in the programme notes for the production ‘Die letzten Zeugen’ (The Last Witnesses) in the Burgtheater, Vienna, in 2013. Reprinted here by kind permission of the author.