Q: Sechs der neun Deutschen Buchpreise gingen seit 2005 an Autoren von Familienromanen (Julia Franck, Eugen Ruge, Arno Geiger, Katharina Hacker, Uwe Tellkamp und Melinda Nadj). Was macht diese Romane so reizvoll, warum überhäuft man sie wohl mit Preisen und widmet ihnen so viel Aufmerksamkeit? Warum lesen wir so gerne über anderer Leute Familien? Mit anderen Worten: Welchen Platz nimmt das Schreiben und Lesen über Familie Ihrer Meinung nach in der deutschen Literatur und Kultur ein?

Lesen Sie selbst Familienromane oder generell Literatur und akademische Texte über das Thema Familie?

TD: Ich stimme Ihnen zu, Familienromane werden gern gelesen und gern prämiert. Ich muss jedoch zurückfragen. Ist das eine neue Entwicklung? Die Buddenbrooks waren auch ein Familienroman, um nur ein Beispiel zu nennen. Die klassischen Dramen, ob Shakespeare, Goethe oder Schiller, kreisen fast immer um das Thema Familie, Verwandtschaft, Sippe.

Ich glaube, es gibt zwei Antworten, die einander nur scheinbar ausschließen: Die erste ist die, dass Familienthemen schon immer populär waren, also eine Negierung der These, dass die Familienromane derzeit besonders viel Aufmerksamkeit erfahren. Die zweite Antwort ist, dass familienbezogene Themen zwar schon immer auf besonders viel Resonanz stießen, weil sie die Lebenswelt der meisten Menschen berühren und oft eine hohe Identifikationsgrundlage bilden, aber dass man dennoch in den letzten Jahren eine Aufmerksamkeitszunahme konstatieren kann. Den Begriff „Familienroman“ hat man Anfang bis Mitte der Neunziger nicht halb so oft wie jetzt gehört. Es gibt auch einige jüngere Autoren, eher aus dem linken Spektrum stammend, die ihn höchst skeptisch aufnehmen. Ich denke auch, dass die neue Sehnsucht nach Familie – also der Wunsch nach einer Art Neobiedermeier – dahintersteckt. Nicht unbedingt bei den Autoren, die ja allesamt das Thema Familie sehr differenziert und polyphon bearbeiten, aber in der Erwartungshaltung des Lesers. Es scheint so als ob eine allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung und Desorientierung nach dem Ende der bipolaren Kalten-Kriegs-Weltordnung und dem Aufkommen von Globalisierungsphänomen und dem Internet zu einer Sehnsucht nach dem Nahen, Greifbaren, im wahrsten Sinne des Wortes Familiären geführt haben.

Q: Spiegeln diese Romane eine Veränderung oder soziologische Trends im Konzept Familie wider?

TD: Ja, deshalb sind Schubladen-Begriffe wie „Familienroman“ letztendlich irreführend. Jeder der oben genannten Romane würde auch in eine andere Kategorie passen, widmet sich weiteren, verschiedenen Themen: Uwe Tellkamp dem Rückblick auf das Bürgertum in der DDR, Arno Geiger, insbesondere in seinem wunderbaren Vater-Buch Der alte König in seinem Exil, dem Thema Generationskonflikt bzw. Umgang mit dem Alter, etc. Der Begriff „Familienroman“ ist aus meiner Sicht als wissenschaftliche Kategorie nicht haltbar, da viel zu pauschalisierend.

Q: In meiner Forschung habe ich mich auf die Wiedergabe traumatischer Erinnerungen konzentriert – insbesondere die Erinnerungen und die Geschichte des zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Die Wiedergabe der Kriegstraumata der Eltern bzw. Großeltern an ihre Kinder und Enkel in Himmelskörper sowie in Der längste Tag des Jahres schien Forschungsergebnissen von Psychotherapeuten widerzuspiegeln. Sie sahen in ihren Patienten traumatische Symptome, die von den Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern stammten. In Himmelskörper ist sich die dritte Generation am Ende bewusst, dass die Geheimnisse der Familie sie beeinflusst haben. Aber in Der längste Tag des Jahres ist so manches Trauma weitergegeben worden, ohne dass sich die nächste Generation das so richtig erklären kann. War das Ihre Absicht, die zwei Romane in diesem Sinn gegenüberzustellen?

TD: Nein, ehrlich gesagt nicht. Meine Romane sind nicht in der Reihenfolge erschienen, in der ich sie geschrieben habe, was ganz pragmatische Gründe hatte, zum Teil war das auch Dingen wie einem Verlagswechsel geschuldet. Ich würde jedoch sagen, dass meine Romane, unabhängig von der Publikationsfolge, ein Kontinuum hinsichtlich der Beschäftigung mit der NS-Zeit und ihrer Auswirkung auf den Umgang der Generationen in Deutschland miteinander darstellen. Dieses Thema – die NS-Zeit – gehört für mich einfach immer dazu, wenn man in Deutschland über Familie schreibt. Es ist ein wichtiger zeitlicher Horizont, den man nicht einfach ausblenden kann, auch wenn man natürlich den Schwerpunkt nicht auf diese Thematik legen muss. Sehr beeindruckt haben mich die Forschungen von Jan und Aleida Assmann. Sie unterscheiden zwischen verschiedenen Erinnerungsformen, dem kulturellen Gedächtnis, das die jahrhunderte- zum Teil jahrtausendealten Überlieferungen und Traditionen einer Gesellschaft umfasst, und das kommunikative Gedächtnis, das auf die mündliche Überlieferung der vorangegangenen drei bis vier Generationen begrenzt ist, auf vielleicht 80 Jahre. Es rekrutiert sich aus den tatsächlichen Gesprächen, auf der mündlich empfangenen „Botschaft“ zwischen Individuen. Es ist auf eine jeweils begrenzte Gruppe von Personen, eine Familie, eine Sippe, eine Nachbarschaft etc., beschränkt und verschiebt sich zeitlich ständig mit dem Voranschreiten der Generationen. Diese Forschungen waren für mich wichtig, weil sie die Relevanz dieser intergenerationellen Gespräche für mich deutlich gemacht haben. In allen meinen Büchern kommen mindestens drei Generationen zu Wort. Selbst in meinen ersten Büchern (wenn ich von der Lyrik absehe), meinem Roman Spielzone und dem Erzählungsband Café Brazil wimmelt es keineswegs, wie von der Presse behauptet, nur von „jungen coolen“ Menschen, sondern es gibt als Gegenfiguren immer wieder auch Vertreter der älteren Generationen, so wie etwa Frau Minzlin in Spielzone. In Café Brazil spielen zwei Erzählungen in einem Altenheim. Sie wurden von Erlebnissen, die ich hatte als meine Großmutter leider in einem Altenheim leben musste, inspiriert (zumindest die Geschichte „Maremagnum“ ist stark autobiographisch gefärbt, „Lux Aeterna“, eine meiner Lieblingsgeschichten, ist eher ein Phantasieprodukt, dennoch angeregt von meinen vielen Besuchen im Altersheim und meinen Gedanken zu dem Lebensumfeld dort).

Q: In einem Interview mit der Universität in Kopenhagen 2010 haben Sie über Ihren Roman Der längste Tag des Jahres gesprochen. Sie erwähnten die Veränderungen in der Familie in unserem Zeitalter, wie zum Beispiel die wachsende Wichtigkeit der individuellen Entwicklung. Trotzdem haben Sie darauf hingewiesen, dass die Familie doch weiterhin die nächste Generation bindet und „letztendlich diese prägenden Bindungen ein unglaubliches Gewicht im Leben behalten.“ In Morgen nach Utopia beschreiben Sie wie die „Nachbeben der NS-Zeit bis in die Gegenwart“ reichen (2). Sind diese Bindung an die eigene Familie und die Einstellungen, die durch diese Bindung entstanden sind, dafür verantwortlich, dass manches in der deutschen Geschichte übersehen wird oder dass zum Beispiel viele Deutsche ausländerfeindliche Äußerungen machen ohne sich in diesem Moment der Geschichte bewusst zu sein?

TD: Ich glaube nicht, dass beispielsweise Ressentiments gegen Ausländer lediglich (aber in Ausläufern sicher auch) auf einen intergenerationellen Rekurs auf die NS-Ideologie zurückzuführen sind. Es gibt sie auch in anderen Ländern leider zu Genüge. Wo mir der Zusammenhang deutlicher erscheint, ist in der Vorstellung der Deutschen von der perfekten Mutter. Anders als die Franzosen und die Skandinavier glauben wir, eine Mutter, die ihr Kind ab dem ersten Lebensjahr stundenweise in einer Krippe betreuen lässt, wäre eine Rabenmutter. Wir haben immer noch eine sehr konservative Vorstellung von Mütterlichkeit – die Parallelität von Erwerbstätigkeit und Kinderaufzucht ist insbesondere in den alten Bundesländern keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, wofür man sich als Mutter rechtfertigen muss. Dass die Geburtenrate bei so viel eingeforderter mütterlicher Verfügbarkeit deutlich niedriger ist als in Ländern, in denen die Mütter ihre Berufstätigkeit problemloser fortsetzen können, ist natürlich recht ironisch und weist daraufhin, wie wenig dieses Mutter-Bild in unsere heutige Zeit passt und wie viele Schwierigkeiten es für die Familiengründung mit sich führt.

Auch scheint mir, dass im Umgang mit Behinderten hierzulande teilweise noch etwas von Euthanasie mitschwingt – wobei hier eindeutig Fortschritte mit integrativen Kindergärten und Schulen erzielt worden sind.

Auf einer grundsätzlicheren Ebene glaube ich jedoch, dass den Deutschen ein tief verankertes Demokratieverständnis – zum Teil noch – fehlt. In Umfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung wünschen sich regelmäßig 20–25 Prozent der Deutschen „einen starken Führer“. Zumindest ist ein politischer Pragmatismus hier weniger verbreitet, der Hang zum Romantisieren ist sehr ausgeprägt, ob es sich dabei um blühende Landschaften oder den lupenreinen Demokraten Putin handelt….

Auch braucht man, wie mir scheint, in Deutschland immer wieder Leitbilder. Allein der Begriff der „Leitkultur“ ist so ein furchtbarer Begriff, der die Angst der Deutschen (in diesem Zusammenhang finde ich die Werke von Sabine Bode – wie z. B. „German Angst“ – sehr spannend) vor wirklich individuellen Entscheidungen, vor eigener Verantwortung, deutlich macht. Es gibt schon eine starke Orientierung „nach oben“ hier. Aber das Thema ist sehr komplex, würde eine andere Form von Vertiefung vertragen.

Q: In Harald Welzers Opa war kein Nazi wird dargestellt wie bestimmte Vorurteile und Einstellungen der Kriegsgeneration unverändert bleiben und die Nachkommen dennoch sie nicht als Verbrecher ansehen können. Nun entpuppt sich die Großmutter in Himmelskörper durch das nach ihrem Tode gefundene Kästchen mit dem Brief an Göring und dem Buch Mein Kampf ganz klar als nationalsozialistisch gesinnt (263). Warum haben Sie es am Ende so deutlich gemacht, dass die Großeltern Nazis blieben? Es gab in der Geschichte schon etliche Andeutungen dafür.

TD: Das Buch Opa war kein Nazi hat mich sehr beeindruckt und schien mir in seinen Ergebnissen – die Enkelgeneration kann sich die Gräueltaten der „lieben“ Großeltern kaum mehr vorstellen und deutet die Berichte der Großeltern dementsprechend blauäugig um – sehr plausibel.

Was Ihre Frage zu meinem Roman Himmelskörper angeht: Ich glaube, es wäre nicht nötig gewesen, die NS-Affinität der fiktiven Großeltern so deutlich herauszustellen. Das würde ich jetzt wohl anders machen bzw. die Anzeichen sparsamer einsetzen.

Allerdings bin ich gar nicht der Ansicht, dass die Großeltern Nazis im engeren Sinne blieben, bzw. nach dieser Definition von Nazi-Sein wären die meisten Deutschen immer noch Nazis. Nein, es handelt sich um die typischen Deutschen, die damals Nazis waren, jetzt selbstverständlich nicht die NPD wählen, möglicherweise nicht mal die CDU, sondern nur hier und da anmerken, dass damals ja dieses und jenes „besser“ war. Solche Äußerungen tätigen auch die Großeltern im Roman keineswegs in der Öffentlichkeit (anders als überzeugte unverbesserliche Nazis), sondern im Privaten, und eigentlich erst, als sie beide alt und dement werden, und die Selbstkontrolle nachlässt. Für mich sind sie typische Vertreter dieser nur halbherzig vom NS-Gedankengut abgekommenen Generation.

Q: Wie wir besprochen haben, wird in vielen der deutschen Generationenromanen im 21. Jahrhundert eine transgenerationelle Prägung in der Familie in den Mittelpunkt gestellt. Markus Neuschäfer zitiert in seiner Forschung eine Szene aus Grass’ Im Krebsgang, wo davon die Rede ist, dass Konny bestimmte Tendenzen von seiner Großmutter geerbt hat. Letztes Jahr erschien eine Studie, in der angeblich Mäuse ihren Enkeln traumatische Erinnerungen vererbt hatten. Die Neurowissenschaftler fanden einen Unterschied im Sperma und Gehirn von Mäusen, denen man eine Phobie vor Kirschblüten beigebracht hatte. Auch die Enkel hatten Angst vor den Blüten. Dachten Sie an eine solche Vererbung in ihrem Roman Der längste Tag des Jahres? Also eine Vererbung entweder von ideologischen Einstellungen oder eine biologische Vererbung traumatischer Erinnerungen, die die Handlungen der Figuren prägt?

TD: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe etwas über das Mäuseexperiment gelesen, aber erst kürzlich. Ich habe nicht an eine biologische Vererbung, aber an eine soziokulturelle, familienpsychologische Weitergabe, also an eine auf psychologischer Ebene angesiedelte Weitergabe von Wünschen, Träumen – wie nach der Wüste, nach Exotik, einem anderen Leben außerhalb der konventionellen gesellschaftlichen Ordnung – gedacht.

Q: In Ihren Romanen spielt die Natur eine große Rolle. Sie haben die Terrarienwelt des Vaters in Der längste Tag des Jahres als eine „Gegenwelt“ beschrieben. Was erreicht der Vater mit dieser Sammlung – was bietet ihm diese natürliche, aber doch künstliche, Welt? Kann man da von einer transgenerationellen Prägung sprechen, da sein Vater in Afrika gefallen ist?

TD: Ja – die Wüste, die sein Vater nicht beherrschen konnte, der dieser zum Opfer fiel, wird nun von ihm beherrscht. Es wird oft beschrieben, wie ordentlich der Vater mit den Terrarien umging, er übersah nichts. Gleichzeitig drückt sich hier auch die Sehnsucht des Vaters nach Reisen, sein Fernweh aus. Schließlich ist sein eigener Vater irgendwo in der Ferne umgekommen.

Ich wollte in Der Längste Tag des Jahres über eine transgenerationelle Prägung – über vier Generationen von Männern – schreiben. Das bis dato letzte Glied in der Kette ist Sami, der Sohn von Thomas, der ganz selbstverständlich in der Wüste aufwächst. Der Vater ist ängstlicher als sein Vater, der als Soldat für Rommel in den Nordafrikakrieg zog. Er wählt die „harmlose“ Variante der Wüstenerkundung: die im Terrarium gebannte Wildnis, die er vom Sofa aus goutieren kann. Der Sohn Thomas wählt wieder einen aktionistischeren Weg, er lebt als Aussteiger in einem Wohnwagen in der Wüste. Doch findet Thomas geradezu gegenteilige Dinge an der Wüste faszinierend – im Vergleich zu seinem Vater. Während der Vater romantisierende Bilder von kämpfenden Waranen an die Wand hängt, fasziniert ihn der Müll, der Schrott, die abgelegenen Industrien in den US-amerikanischen Wüsten. Während sein Vater und sein Großvater die Wüste jeweils heroisierten, ist sie für ihn ein melancholischer Ort – ein Ort, der gewissermaßen „kapituliert“ hat, was ihn nicht verärgert, sondern anrührt. Doch während Thomas meint, ein ganz anderes Leben mit vollkommen anderen Wertmaßstäben als sein Vater zu führen, wiederholt er letztendlich doch dessen Lebensthema, bleibt in ihm verhaftet, obwohl er 10.000 Kilometer entfernt von ihm lebt.

Ich finde es immer wieder im realen Leben faszinierend, wie sehr Eltern und Großeltern „Lebensthemen“ an Kinder, Enkel und Urenkel weitergeben. Das kann man auch in beruflichen Dynastien beobachten – die Ärzte, deren Kinder und Enkel sich auch für die gleiche Profession entscheiden, die Lehrer und Architekten (man denke hier auch an Albert Speer, dessen Sohn, der auch noch genauso heißt, heute ebenso ein erfolgreicher Architekt ist) etc. Den Eltern ist man als Kind in einer Weise – und zwar im Guten wie im Schlechten – ausgesetzt, wie man nie wieder in seinem Leben einem Menschen, nicht mal einem Ehepartner, ausgesetzt ist. Zentrale Lebensthemen werden früh in einem angelegt – was jedoch meiner Meinung nach nicht heißt, dass es unmöglich wäre, sich anders zu orientieren. Meist ist dies jedoch aufgrund der unbewussten Ansiedlung der „Lebensthemen“ nicht einfach und erfordert einen langen Prozess der Bewusstwerdung darüber, was man selber eigentlich wirklich im Leben will – und was man nur tut, um letztendlich den inneren Auftrag anderer Menschen zu erfüllen. Gerade wenn Eltern oder Großeltern ein Projekt, eine Leidenschaft, unvollendet gelassen haben, wird oft eine starke indirekt übermittelte Aufgabe an die jüngeren Generationen übertragen.

Q: Ich sehe eine Verbindung zwischen der sehr strukturierten und kontrollierten Welt dieser Terrarien und den Bienen des Großvaters in Himmelskörper. Inwiefern sind die Bienen, wie sie der Großvater beschreibt, eine Wiederspiegelung einer Gesellschaft, die der Großvater als perfekt empfindet? Genau wie der Vater in den Terrarien eine perfekte Naturlandschaft herstellt.

TD: Richtig, diese Ähnlichkeit sehe ich genauso. In dem Bienenkapitel „Der Imker“ sagt der Großvater, dass sich die Menschen „ein Beispiel an den Bienen“ neben sollten – seiner Meinung nach. Ihm gefällt das Hierarchische („Königin“) im Leben des Bienenvolks. Die Bienen werden vom Großvater in Himmelskörper als Beispiel für die Etablierung einer idealen Gesellschaftsordnung zitiert – für den Vater aus Der Längste Tag des Jahres ist die Welt der Terrarien ebenso ein „idealer Ort“ – für beide stellen diese für den Menschen recht unzugänglichen animalischen Lebenswelten die Möglichkeit einer Flucht aus der Wirklichkeit – und eine Flucht aus der jeweiligen Familie – dar.

Bei dem Vater aus Der Längste Tag des Jahres findet sich überdies viel Bewunderung für den Waran Overlord, der stark und kämpferisch ist. Er wird von ihm geradezu mit menschlichen Attributen ausgestattet.

Bei beiden Männern wird der verlorene Krieg wenigstens im Bienenstock oder im Terrarium noch erfolgreich geführt.

Q: Und ist das auch übertragbar auf die Familie? Stellen diese künstlichen Tierwelten eine fast bessere, weniger chaotische Welt dar, als die der jeweiligen Familien in den Romanen? Das gilt auch für die natürliche Welt. Der dunkle Wald hinter dem Haus in Himmelskörper ist nicht Furcht einflößend, wobei die Großmutter aber schon am Anfang des Buches als „nicht geheuer“ empfunden wird (54). In der Szene mit der Fliege fürchtet sich die junge Freia vor der Großmutter und beschreibt die Hand der Großmutter, mit der sie die Fliege tötet, als eine „Täterhand“ (90). Während die Familienmitglieder der Figuren als „unberechenbar“ beschrieben werden, finden sie Trost in der Natur.

TD: In Ihrer Frage stecken für mich drei verschiedene Fragen. Ich versuche sie der Reihe nach zu beantworten:

Beide Männer ziehen sich permanent von ihren Ehefrauen und auch von ihren Kindern zurück – das wirkliche Leben ist ihnen zu anstrengend und unberechenbar – auch fühlen sie sich darin in Frage gestellt. Für den Vater aus Der Längste Tag des Jahres sind die Terrarien auf jeden Fall eine sichere Zuflucht vor familiärer Enge und emotionalen Erwartungen, das wird in vielen Fällen beschrieben. Teilweise denkt man, der Vater liebt seinen Waran Overlord mehr als seine Kinder.

Die Kinder, nicht nur in Himmelskörper, auch in Der Längste Tag des Jahres, entwickeln ihr eigenes Verhältnis zur Natur. Für die Kinder bedeutet die Natur schon eine Form von Freiraum – es ist die Welt, die sie nicht mit den Erwachsenen, sondern miteinander teilen. Sie sind ja meist zu zweit hinter dem Haus im Wald oder am Bleichen See und auf der Mittelinsel unterwegs.

Zu der „Täterhand“: Das war ein Beispiel dafür, wie Freia, die Enkelin, in der Großmutter nicht nur die „liebe“ Oma und Hausfrau sieht, sondern klar auch eine andere, entschlossenere und vielleicht auch brutalere Seite an ihr erkennt. Mit „die braune Droge“ ist hier nicht wirklich Schokolade gemeint, zumindest nur vordergründig, eigentlich sind „die Braunen“ gemeint. Die „Täterhand“ sollte deutlich machen, wie sich eine gewisse grundsätzliche Brutalität bei einem Menschen in scheinbar kleinen Alltagsbegebenheiten vermittelt.

Q: Vielen Dank für das Gespräch.