F: Die Eltern Ihres Protagonisten Ethan Rosen in Ihrem letzten Roman Andernorts glauben die Verwandten seiner neuen Freundin zu kennen. “Die Juden dieser Welt sind ein einziges Familienunternehmen.” Als ich diesen Satz in einem Gespräch mit Eva Menasse zitierte, kniff sie die Augen zusammen und sagte: “Das ist aber ein antisemitisches Statement.” Was ist Ihre Reaktion?

A: Ich glaube, in Andernorts wird nicht behauptet, dass alle Juden eine Familie sind, sondern diese Familie, die Familie Rosen, reagiert so, wie so manche israelische Familie eben reagieren würde. Und das hat mit dem Gefühl zu tun, dass man sich, nachdem man als Minderheit verfolgt war, nach Bedrängnis und Ghetto, im kleinen Land Israel wiedergefunden hat; man hat das Gefühl, dass man alle von früher, von damals, von einem anderen Ort her, kennt. Die Enge der Verfolgung mündete in die Beengtheit der Pionierzeit.

F: Das Auftauchen Rudi Klausingers – der sich als der uneheliche Sohn von Felix Rosen, Ethans Vater in Andernorts, herausstellt – führt zu einer Auflockerung der jüdischen Version der Heiligen Dreifaltigkeit. In Andernorts erzählen Sie von einer jüdischen Familie, deren Mitglieder sich sehr nahe stehen, fast zu nahe. Ethans Freundin kann nicht verstehen, warum Ethan so sensibel auf seinen Stiefbruder reagiert. Sie, deren Eltern sich scheiden ließen, findet Ethans Ungläubigkeit, sein Vater könnte seine Mutter betrogen haben, naiv. Hier prallen verschiedene Lebenserfahrungen mit Familienmodellen aufeinander. Wie sehen Sie Familie? Was bedeutet es für Sie, in eine jüdische Familie hineingeboren worden zu sein, in Österreich aufgewachsen zu sein? Wie wäre es für Sie gewesen, wenn Ihre Familie nicht nach Österreich gekommen wäre?

A: In Andernorts geht es um die Suche nach, bzw. das Abweisen von, Geborgenheit; der eine sehnt sich danach, der andere hat zuviel davon. Beides kann anstrengend sein, aber es fühlt sich besser an, zuviel Liebe bekommen zu haben. Ein Punkt im Buch ist, dass jede Familie ein Geheimnis hat. Ich kann mich an dieses Gefühl als Kind erinnern. Dass es da irgendwo ein Geheimnis gibt. Ich war davon überzeugt, meine Eltern müssen Geheimagenten sein. Der Grund ist sehr einfach. Das, was zwischen dem Mann und der Frau passiert, im Schlafzimmer, ist ein Geheimnis, und war auch da, bevor das Kind da war. Das heiβt, es gibt da Dinge, die immer unausgesprochen bleiben. Es gibt Dinge, die man nicht vor seinem Kind bespricht. Man erklärt dem Kind nicht, “da war einmal noch jemand anderer, und dann hab ich mich für deinen Vater entschieden.”

Ich glaube, in Israel hätte die Chance bestanden, ein linker Israeli zu sein. Hier in Österreich war jüdische Identität etwas, dem ich nicht ausweichen konnte. Wir meinten, wenn die wirtschaftliche Lage in Österreich schlechter wäre, dann käme wieder derselbe Antisemitismus auf. Meine Klassenkollegen waren ganz anderer Meinung. Aber ich war der Meinung, das Ressentiment ist nicht überwunden. Ich fühlte mich in den 80ern durch die antisemitische Wahlkampagne für Kurt Waldheim bestätigt. Bis dahin wurde ich als Paranoiker angesehen. Ich glaube, auf den Antisemitismus allergisch zu sein. Meine Familie war eine kleine Familie in Wien. Dadurch, dass wir keine Onkel und Tanten, Neffen und Nichten in Österreich haben, waren wir viel enger aufeinander bezogen. Das war ganz anders als in den Familien meiner nichtjüdischen Freunde, wo die Rebellion gegen die Eltern eine ganz andere Rolle spielte.

F: In Ihrem Roman Ohnehin kann sich der alte Herbert Kerber nichts länger als 15 Minuten merken. Er erkennt niemanden; nur die Kriegsjahre, die nie ein Thema waren, sind ihm präsent. Was bringt es, sich zu erinnern? Über diese Frage geraten Kerbers erwachsene Kinder in Streit. Ist nicht das Vergessen eine Gnade? fragt sich der Sohn, zumal so am heilen Bild des Vaters keine Risse entstehen. Die Tochter hingegen veranstaltet mit dem Kranken Tribunale, die zu keinem Ende kommen, weil er vorher immer wieder alles vergisst. Das Vermeiden bzw. Herausfordern von familiären Streitigkeiten der nichtjüdischen Familie führt zu nichts. Streiten jüdische Familien anders, mitunter besser?

A: Nein, die Familiengeschichte im Roman fordert bloß ein ehrlicheres Erinnern ein. Das Streiten in den nichtjüdischen Familien brachte viel. Die deutsche Auseinandersetzung mit der Geschichte seit 68 rührt von diesen häuslichen Debatten her. Bei uns war es so, dass wir am Tisch politisch stritten, es sehr heftig wurde. Es führte aber zur wechselseitigen Anerkennung. Ich war als kleiner David geschätzt und stritt eigentlich ja auch für das, was meine Eltern dachten. Ich war nur radikaler. Ich kämpfte in gewissem Sinn für sie, die schon Schlimmstes durchgemacht hatten. In vielen österreichischen Familien ist es sehr oft so, dass Dinge schwelen, aber nicht ausgesprochen werden. Das gibt es zwar auch in jüdischen Familien. Aber zumindest existiert eine starke Tradition des offeneren Streitens, zumindest gab es das bei uns.

F: Ihre Mutter Shoshana Rabinovici verfasste ein Buch über ihr Überleben, über das Getto, das Konzentrationslager Kaiserwald, das Vernichtungslager Stutthof und den Todesmarsch. Was hat Ihre Familie damit zu tun, dass Sie Schriftsteller bzw. Historiker geworden sind? Wie beeinflusst Ihre jüdische Herkunft Ihr Schreiben über Familie?

A: Erinnerung als Widerstand treibt mich an. Die Geschichte der Vernichtung prägte mich. Unsere Familie, also meine Eltern, mein Bruder und ich reisten im letzten Jahr nach Vilnius, wo meine Mutter herstammt. Ich sprach darüber in meiner Dankesrede für den Wildgans Preis und schrieb dann auch einen Essay darüber.

F: In Andernorts müssen sich alle Familienmitglieder mit dem Familienzuwachs Rudi, dem Produkt einer auβerehelichen Affäre, auseinandersetzen; sie müssen ihn erst einordnen. Rudi kratzt am Image der heilen Familie. Am schwersten tut sich dabei Ethan. Wie hat sich das traditionelle Bild der Familie gewandelt?

A: Die Familie hatte früher eine traditionelle Aufteilung. Sie war ungerecht gegenüber den Frauen. Die heutigen Familien kämpfen teils um eine neue Aufteilung. Sie sollte im besten Fall Halbe-halbe sein. Aber was bedeutet das im Genauen? Heißt das, die Hausarbeit soll zur Hälfte aufgeteilt sein, oder geht es darum, die Hausarbeit und die Geldbeschaffung zusammen zu denken und das gerecht aufzuteilen? Es ist jedenfalls nicht in Ordnung, wenn eine Person beides alleine erledigen muss. Oft will jeder lieber in der Karriere aufgehen. Das macht mehr Spaß als täglich Windeln wechseln, sich vollspucken zu lassen und in der Nacht das Kind herumzutragen. Es ist ein Klischee, aber eines, das nicht selten zutrifft: Die Frau verliebt sich in einen Mann in der Hoffnung, er werde sich ändern, während sich der Mann in die Frau verliebt und hofft, sie möge für immer so bleiben, wie sie anfangs war. Es herrscht ein Geschlechterkampf, auch, wenn er teils ein noch unerklärter ist. Nehmen Sie etwa diesen – durchaus machistischen – Witz: Sagt der eine zum anderen: “Wie ist deine Frau im Bett?” Antwortet der andere: “Die einen sagen so, die anderen so.” Drehen wir den Witz kurz – als Experiment – um: Sagt eine Frau zur anderen: “Wie ist dein Mann im Bett?” Sagt die andere: “Die einen sagen so, die andern so.” Das ist überhaupt nicht lustig. In unserem Kopf ist es nicht lustig und nicht originell, wenn ein Mann fremd geht. Es bedeutet keinen Tabubruch, sondern ist langweilige Normalität. Aber es klingt immer noch komisch, dass eine Frau fremdgeht. Obwohl das natürlich immer schon auch passierte. Es wird zwar bei beiden Geschlechtern moralisch abgelehnt, aber es wird beim Mann als normal angesehen, bei der Frau hingegen nicht.

F: Sie haben sich öffentlich zum Thema Beschneidungsverbot geäußert.1 Welchen Einfluss hat dieses Verbot womöglich auf in Deutschland lebende jüdische Familien?

A: Ein gesetzliches Verbot der Beschneidung würde bedeuten, jüdisch bewußtes Leben sei in Deutschland nicht willkommen und der Islam könne in Deutschland keinen Platz finden. Ich bin Atheist, aber ich finde es schäbig, sich auf Kosten der anderen zu säkularisieren. Zumal in einem Land, in dem vieles nicht so säkular ist. Denken wir etwa an die Kruzifixe in den Klassenzimmern. Interessant ist, dass die Erinnerung an die Shoah in der aktuellen Debatte kaum eine Rolle spielt. Das wäre vor 10 Jahren in Deutschland anders gewesen.

F: In “Wie es gewesen sein wird” schreiben Sie: “Literatur kann von der Geschichte erzählen, indem sie erzählt, was von ihr nicht mehr erzählt werden kann.” Auch Ihr Einsatz von Humor passt hierher. Der Überlebende, der sich von seiner Frau, die er im Konzentrationslager kennengelernt hat, Anfang der 50er Jahre scheiden lässt, weil sie jähzornig ist. Sie wäre auch schon im Lager jähzornig gewesen, erzählt er Ihnen, aber dort habe er geglaubt, es läge an Hitler. Sie haben diese Groteske in Ihren Roman Ohnehin eingebaut. Oder in Andernorts, immer wenn die Rosens beim Autofahren einen älteren Wiener die Straße überqueren sehen, sagt Ethans Mutter zu ihrem Mann, “Überfahr ihn”. Sie schreiben, “Ich erzähle damit nichts von Auschwitz, doch vielleicht erzähle ich auf diese Weise unter anderem, was ich nicht von Auschwitz erzählen kann.” Wie kommt dieser Humor beim Leser an? Kommt es auf den Leser an, auf seine Intelligenz, seine Fähigkeit zur Empathie? Und wer darf da lachen? Soll uns das Lachen im Hals stecken bleiben?

A: Ich glaube, dass der Witz in Andernorts so gebaut ist, dass er sich gegen Ressentiments wendet. Dieser Humor zielt gegen alle, gegen die Juden, gegen die Österreicher, gegen alle Fraktionen; zuallererst gegen mich selbst. Ich habe aber nicht vor, bis zum Ende meines Lebens nur lustige Bücher zu schreiben. Humor, der uns nicht gescheiter macht, das Unausgesprochene, das Verdrängte zum Vorschein bringt, bringt nichts. Dabei bleibt einem das Lachen manchmal im Hals stecken. Aber dann gibt es auch einen Humor, der einfach nur lustig sein soll. Der Hund etwa, der Nebbich heiβt, der Angstbeiβer im Kaffeehaus, dieser Hund ist lustig und macht mir Spaß. Den schrägen Rabbiner Berkowitsch, der den Messias klonen will, auftreten zu lassen, hat mir auch ungeheure Lust gemacht beim Schreiben. Das Wichtigste am Humor ist, dass er einen klüger und einen über sich selber lachen macht. Das ist eine urbane und natürlich auch eine jüdische Tradition.