F: Das Vaterspiel beschäftigt sich mit der Frage von Geschichte, bzw. mit der europäischen (d.h. nicht nur deutschen oder österreichischen) Nazi-Vergangenheit, vor allem in den Interviews mit Jonas Shtrom in dem Roman, aber auch durch Helmut Kramer, der die österreichische Politik der Nachkriegszeit (besonders in Wien) repräsentiert. Die Geschichten von Jonas und Helmut treffen sich durch die Figur Rupert, der, trotz seiner “Erballergie” (d.h. der Gefangenschaft seines Großvaters in Dachau), einem versteckten Nazi hilft, und auf diese Weise Jonas’ Suche hindert. Man könnte also sagen, dass Rupert nicht Fortschritt, sondern Rückschritt, in Bezug auf Vergangenheitsbewältigung darstellt. Wollten Sie Rupert in dieser Weise schildern?

A: Es entspricht meiner Beobachtung, dass es mittlerweile eine junge Generation gibt, die sich für das, was in der Zeit der Nationalsozialisten geschah, nicht mehr verantwortlich fühlt. Es ist ein schleichender Prozess der Historisierung des Holocaust, der zwar da und dort aufgehalten werden kann, im Prinzip jedoch unumkehrbar ist. Nun hat Rupert aber von seiner Familie durchaus eine Sensibilität für die Verbrechen der Nazis mitbekommen. Deshalb auch seine erste, ablehnende Reaktion, als er erfährt, was er tun soll. Aber Mimi beruhigt ihn, es handle sich um ein Missverständnis. Auch ist ihm die Zuneigung zu Mimi wichtiger als Klarheit über die Vergangenheit zu bekommen. Als er beginnt, das Versteck des Alten auszubauen, weiß er nicht mit Gewissheit, wen er vor sich hat. Im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine Art Freundschaft, während die vermeintliche Freundschaft mit Mimi zerbricht, weil Rupert sich von ihr ausgenutzt und hintergangen fühlt. Und dann hält er an dem Alten auch aus einer Art Trotz fest, selbst als er weiß, was er getan hat. Er denkt sich sogar Verteidigungsstrategien für ihn aus. Ich glaube es ist eine den gegebenen Verhältnissen adäquatere Zeichnung.

F: Noch etwas zu dieser ersten Frage über Rupert, und wie er Jonas’ Suche hindert. Sie sagten, dass es “eine junge Generation gibt, die sich für das, was in der Zeit der Nationalsozialisten geschah, nicht mehr verantwortlich fühlt.” Und ja, ich denke, da haben Sie recht. Aber finden Sie dieses Sich-Nicht-Mehr-Verantwortlich-Fühlen irgendwie problematisch? Soll es das Ziel für die jüngere Generation Österreichs sein, sich auf immer an die Nazi-Vergangenheit zu erinnern, oder ist die Distanz zu ihr r mittlerweile so groß, dass man sich als junger Mensch nicht mehr verantwortlich fühlen muss? Wird kollektiver Fortschritt verhindert, wenn eine Generation sich immer an die Vergangenheit erinnert? Hier in den USA kann man in der Sklavenhaltung ein mögliches Parallelproblem sehen (eine Institution die natürlich älter als der Nationalsozialismus ist, wobei es aber andererseits bis in die 1960er Jahre immer noch rassistische Gesetze im amerikanischen Süden gab). Ich würde sagen, dass sich heutzutage die Mehrheit der jungen Menschen weder dafür verantwortlich fühlt noch sich damit assoziiert. Das ist eine vielschichtige und komplizierte Frage.

A: Am besten gefällt mir der Schlusssatz der Frage, weil er auch mein Dilemma gut anspricht. Auch ich träume davon, dass wir das alles hinter uns lassen könnten, dass kein Mensch mehr an Nazis denkt, wenn er einen Deutschen oder einen Österreicher sieht. Das ist ein Wunschtraum. Die Realität ist aber, dass es nicht nur eine Täter- sondern auch eine Opfergeschichte gibt, die bis heute anhält. Und solange es Menschen gibt, die sich als Opfer dessen fühlen, was die Deutschen und Österreicher Mitte des 20. Jahrhunderts getan haben, und seien es Opfer der dritten Generation, solange können wir die historische Täterrolle auch in der Gegenwart nicht ausblenden. Und ich fürchte, den Amerikanern geht es bezüglich der einstigen Sklaven, sowie auch im Umgang mit den einstigen Ureinwohnern, nicht anders. Historische Realitäten lassen sich nicht abschaffen. Andererseits weiß ich, dass man es sich in der Opferrolle auch bequem einrichten kann.

Dass eine Anerkennung der kollektiven historischen Verfehlungen dem Fortschritt hinderlich wäre, glaube ich nicht. Es gibt freilich auch so etwas wie die Virtuosität des Lippenbekenntnisses und eine moralische Selbstbeweihräucherung, ein ostentatives mea culpa, das jeder Kritik den Wind aus den Segeln nehmen will. Letztlich geht es darum, ob sich in der gegenwärtigen Realität noch Spuren, Kratzer oder gar Furchen der historischen Schuld finden. Wenn nicht, dann hat das Thema keine Brisanz mehr und man kann es den Historikern überlassen. Wenn doch, so ist die Geschichte immer noch Teil der Gegenwart – und dann verschließt man nicht die Augen vor längst vergangenen Ereignissen, sondern vor der eigenen Realität. Ich sehe aber auch keinen Sinn darin, die Historisierung des Holocaust mit allen Mitteln aufhalten zu wollen.

F: Noch eine Frage zu Rupert und seinem Vater bzw. den Konflikten zwischen den Generationen: Rupert arbeitet an seinem Vatervernichtungsspiel, dessen Ziel ist, den blutigen und gewalttätigen Tod des Vaters zu erreichen. Trotz Ruperts Wut und Hass gegen seinen Vater, kann er ihn nur virtuell ermorden; in Wirklichkeit aber “gewinnt” der Vater das Spiel am Ende des Romans indem er Selbstmord begeht. Danach will Rupert sogar sein Spiel aus dem Netz nehmen. “Gewinnt” der Vater also das Vaterspiel am Ende des Romans, und wenn ja, was bedeutet das für Rupert?

A: Nein, der Vater verliert. Die Väter verlieren immer. Auch wenn es lange nicht danach aussieht. Am Ende erscheint Rupert das “Vatervernichtungsspiel” fast wie ein magischer Akt, ein Voodoo-Zauber, der seinen Vater das Leben gekostet haben mag, obwohl der Selbstmord des Vaters mit dem Spiel nichts zu tun hat. Helmut ist daran gescheitert, dass er der “bessere” Kapitalist sein wollte; er hat sich verspekuliert. Der Sohn hat mit seinem Spiel Geld gemacht, mehr als er verkraften kann.

F: Zu einer Frage zum Thema “Vater” im Roman Das Vaterspiel sagten Sie in einem Interview, “Während des ganzen verfluchten 20. Jahrhunderts waren Vaterspiele im Gange. Das Vaterprinzip war vorherrschend und das bedeutete: Gewalt, Gewalt der Männer. In verschiedensten Formen.” Und in Das Vaterspiel haben wir nicht nur einen, sondern viele Väter, die ganz unterschiedliche Beziehungen mit ihren Söhnen haben. Sollen die verschiedenen Vater-Sohn Geschichten in Ihrem Roman nebeneinander gestellt werden?

A: Ein wenig war es so gedacht, anhand unterschiedlicher Vater-Sohn-Konstellationen das verfluchte Jahrhundert zu spiegeln.

F: Das Thema vom “Verstecken” (entweder “sich verstecken” oder “etwas/jmdn. verstecken”) taucht mehrmals in diesem Roman auf. Oma Tanute versteckt ihren Bruder und dann versteckt Mimi ihren Großonkel. Mimi selbst beschäftigt sich mit “Verstecken” – sie ist so geschminkt, als ob sie eine Maske trüge; man kann ihre richtige Haut nicht sehen. Ihre Hüte verstecken ihr Gesicht und sind auch quasi Kostüm. Rupert hilft Mimi und ihrer Mitbewohnerin und tüncht in ihrer Wohnung ein Schlafzimmer, das mit einer Scheiße-ähnlichen Flüssigkeit bespritzt wurde – d.h. wegen Mimi muss Rupert etwas Schmutziges “verstecken,” zuerst in dem Schlafzimmer in Wien, und später in dem Keller in den USA. Warum ist dieses Verstecken ein so häufiges Thema im Roman?

A: Hinzu kommt, dass der Vater seine eigentlichen Geschäfte und lange Zeit auch seine Freundin vor der Familie versteckt, so wie er zuvor schon das illegale Arbeitsverhältnis der Putzfrau vor der Politik verstecken wollte. Jeder hat in diesem Roman etwas zu verstecken. Und die Art, wie Jonas sich bei den Fishing Grounds Informationen über Lukas verschafft, nämlich unter falschem Vorwand, hat auch mit Verstecken zu tun. Der Roman ist also auch ein Versteckspiel.

F: Viele Ihrer Werke haben mit Familien bzw. Vater-Kind Beziehungen zu tun (Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek, Opernball, Das Vaterspiel, Jáchymov). Sehen Sie sich als ein Schriftsteller, der Familiengeschichten schreibt?

A: Offenbar ist das so. Vater-Sohn-Konstellationen haben bei den genannten Werken immer eine besondere Rolle gespielt, bei Jáchymov kommt eine Vater-Tochter-Konstellation dazu. Das ist kein Programm, das ich verfolge, das hat sich so ergeben.

F: Wollten Sie Rupert als eine ödipale Figur darstellen? Er hat den Zwang, den eigenen Vater zu töten, zwar nicht unbedingt ein sexuelles Begehren gegenüber der eigenen Mutter, dafüraber eigenartig sexuell-verwirrte Gefühle für seine Schwester. Ich fand es recht lustig, als am Ende des Romans Bruce, der amerikanische Geschäftspartner, wegen des Titels “Vatervernichtungsspiel” sofort weiß, dass Rupert nicht nur aus Österreich, sondern genau aus Wien (der Stadt Freuds) kommt.

A: Mit der ödipalen Kompenente von Rupert haben Sie gewiss recht. er zeigt ja auch eine ziemliche Anhänglichkeit an seine Mutter, als Pendant zum Vaterhass, und eine, zwischendurch regelrecht entflammte, Liebe zu seiner Schwester.

F: Wir haben schon besprochen, dass Das Vaterspiel verschiedene Familiengeschichten beinhaltet. Aber oftmals sind die Familien sehr problematisch, wie z.B. die Familie von Mimi, die ihren Onkel versteckt, auch wenn sie nicht “hundertprozentig” sicher ist, dass er unschuldig ist. Wie soll der Leser den Begriff “Familie” verstehen, wenn einige Familienkonstellationen im Roman so gefährlich sind?

A: Wie der Leser etwas verstehen soll? Er würde sich letztlich keinen Deut um das kümmern, was ich ihm jetzt riete. Also lass ich es lieber. Ein klares Bild der Familie findet er jedenfalls nicht vor. Eine deutsche Leserin hat mir einmal im Gespräch vorgeworfen, in diesem Roman stecke eine Sehnsucht nach traditionellen Familienstrukturen. Vielleicht hat sie ja gar nicht unrecht. Vielleicht haben sich die traditionellen Normen in meinem Unterbewusstsein so festgesaugt, dass sie jedem Anschein der Realität widerstehen. Mit dem christlich-konservativen Familienbild und seiner ideologischen Bedeutung habe ich mich übrigens schon in Politik der Gefühle auseinandergesetzt, besonders in den Anfangspassagen.